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Eine Retter-Tour durch Waiblingen

Waiblingen - 23.02.2019

Ein Klick mit einer Maus beim E-Learning ist etwas anderes, als im DRK-Fahrzeug einen Funkspruch abzugeben, mit seinen Kameraden unter Zeitdruck ein Zelt für Verletzte aufzubauen oder eine Reanimation zu simulieren. Zwar ist die Theorie Voraussetzung für die Praxis, doch erst wer den Ernstfall simuliert hat und gemeinsam im Team aktiv wird, kann wenn es darauf ankommt schnell und professionell helfen. Das trainiert das DRK regelmäßig, wenn vorwiegend junge Leute den ersten Schritt auf ihrer Helferkarriere-Leiter nehmen wollen und am Helfergrundausbildung-Praxistag teilnehmen. Der fand nun wieder beim DRK-Kreisverband in Waiblingen statt. Das DRK an Rems und Murr ist Vorreiter.

Unter die knapp 30 jungen Leute mit der DRK-Ausrüstung mischt sich eine Delegation des DRK-Kreisverbandes aus Calw, die sich aus erster Hand informieren wollen, wie so ein Praxistag abläuft und diese Art der Ausbildung wohl übernehmen wollen. Das DRK an Rems und Murr, namentlich Peter Scholpp, hat das Konzept entwickelt, das sich auch die DRK-Landesschule zu eigen gemacht hat. Und was machen die jungen Leute?

Markus Frey, Leiter der Rotkreuzdienste, begrüßt die Gruppe am Samstagmorgen im Lehrsaal. Seit einiger Zeit schon engagieren sich die jungen Leute ehrenamtlich. Doch wer als Helfer im Katastrophenschutz tätig werden und Sanitätsdienste übernehmen möchte, benötigt die Helfergrundausbildung. Markus Frey spricht davon, die Helfer „bewusst ins kalte Wasser zu werfen“. In den Wochen zuvor haben sie gepaukt, Online-Module bearbeitet. Heute sollen sie „selber denken, etwas selber machen“, wie die erfahrenen Ausbilder nicht müde werden zu betonen. „DRK ist auch viel gesunder Menschenverstand“, sagt der Kreisbereitschaftsleiter Heiko Fischer. Spielerisch und doch realitätsnah sollen Grundkenntnisse in den Bereichen Einsatz, Betreuung, Technik und Sicherheit und erweiterte Erste Hilfe vermittelt und den Helfern ein Überblick über Einsatzmöglichkeit und Einsatzstärke sowie das vorhandene Material gegeben werden.

Gruppen werden willkürlich festgelegt. Wer zu welchem Ortsverein gehört, spielt keine Rolle. Das entfacht eine besondere Dynamik, denn im Ernstfall muss jede, mit jedem zusammenarbeiten, weiß Markus Frey. Sein letzter Hinweis, bevor es losgeht: „Ihr seid das DRK. Die Leute sehen euch und eure Fahrzeuge. Tretet entsprechend auf, seid euch eurer Außenwirkung bewusst.“ Vier Gruppen verlassen den Lehrsaal. Auf dem Waiblinger Stadtgebiet haben die DRKler vier Stationen und Szenarien vorbereitet. Die erste Gruppe hat es nicht weit.

Neben der Rettungswache parkt ein „Gerätewagen Sanität“ des Bevölkerungsschutzes Baden-Württemberg. Mit den Gerätschaften an Bord soll das Team eine Auffangstelle aufbauen, sprich: Zelt aufstellen, einrichten und für die im Ernstfall wichtige Registrierung möglicher Verletzter sorgen. Im Beispielfall gibt es einen Unfall auf der B29. Viele Menschen sind beteiligt. Es gilt Suchanfragen aufzunehmen, die Daten aller Personen zu dokumentieren, Helfer, die sich im Einsatz befinden, zu erfassen, Personenlisten, die von Polizei und Krankenhäusern erstellt wurden, abzugleichen, Auskunft über den Verbleib von Menschen zu geben, Menschen zu beruhigen. Ausbilderin Pia Jungbauer, Leiterin des Kreisauskunftsbüros, schnappt sich den Nachwuchs, zeigt auf, wie und nach welchen Kriterien die Daten erfasst und wie mit Verletzten, Angehörigen und weiteren Beteiligten umgegangen werden muss. 90 Minuten haben die jungen Leute für diese Übung. Dann steht direkt die nächste Aufgabe an.

Die Gruppe macht sich auf zum nächsten Einsatzort. In einem Gebäude wird der Ernstfall simuliert: Eine Frau liegt auf dem Boden und reagiert nicht. Ihr muss geholfen werden. Matthias Birkenmaier, Bereitschaft Weinstadt, schaut den Teilnehmern über die Schulter. Als die Reanimation läuft, geht er nicht gerade zimperlich mit den DRKlern um. Er weist auf Fehler hin, baut Druck auf. Ein Helfer hat vergessen, die 112 zu wählen. Der Ausbilder weist ihn daraufhin. Der Anruf wird simuliert und schließlich, nach erfolgreicher Reanimation, trifft der Rettungsdienst ein. Simulation beendet. Der Puls geht nach unten. „Wie hast du dich gefühlt?“, fragt Matthias Birkenmaier. „Völlig überfordert“, antwortet der junge Helfer selbstkritisch. Zu selbstkritisch. Der Ausbilder spricht ein Lob aus und gibt gezielt Hinweise, was gut und was ausbaufähig war. „Du hast sofort reanimiert“, lobt er. Die Station „erweiterte Erste Hilfe“ durchläuft jeder Teilnehmer, bevor es zurück zur Zentrale geht. Unterwegs muss jeder Helfer Funksprüche absetzen und entgegennehmen. Ein Profi sitzt im Einsatzleitwagen und verknüpft die Praxis des Funkens mit Fragen rund um das Thema Rettung. Die Delegation aus Calw schaut in den Einsatzleitwagen, die Köpfe nicken anerkennend. Bei diesem Praxistag ist alles durchdacht, stellen sie fest. Am Nachmittag startet der zweite Teil der Ausbildung.

Eine Gruppe fährt mit dem Wagen zur nächsten Station, wo Ralph Maier und Markus Frey die jungen Leute erwarten. Sie klären die DRKler über „Technik und Sicherheit“ auf und zeigen, was ein Krankentransportwagen und ein Fahrzeug „Technik und Sicherheit“ an Bord haben, wo sich die Gerätschaften befinden und vieles mehr. In einem größeren Ernstfall werden gegebenenfalls mehrere Bereitschaften alarmiert, doch nicht alle haben die gleichen Fahrzeuge. Doch die DRKler sollten mit allen Optionen vertraut sein. Frey und Maier gehen auf die Ausrüstung ein, beantworten die Fragen des Retter-Nachwuchses, demonstrieren, wie eine Trage gehandhabt wird, wie sie einen Patienten schnell und doch behutsam transportieren können. Auch die persönliche Schutzausrüstung der Retter ist Thema. Und wie läuft eigentlich die Zusammenarbeit mit der Feuerwehr ab? „Auch kleinere Bereitschaften sollen die verschiedenen Fahrzeugtypen des Katastrophenschutzes kennen“, erläutert Markus Frey. Schnell sind die 90 Minuten vorbei und die Retter-Tour durch Waiblingen wird fortgesetzt. Und nun ist das Team gefragt.

Jan Mahne erwartet die jungen Leute. Neben dem Fahrzeug mit dem roten Kreuz liegen viele Stangen. Daraus soll die Gruppe ein Stangengerüstzelt (SG 30) bauen. Jan Mahne lässt sie machen. Er spricht von „Kreativität“ und beobachtet, wie die Gruppe arbeitet, sich abspricht und abstimmt. In diesem Fall steht das Gerüst recht schnell. Der DRKler gibt anschließend Tipps und Hinweise, wie der Bau, im Notfall zählt jede Minute, effektiver funktionieren kann. Auch auf Sicherungsmaßnahmen, Abstände und Fluchtwege geht er ein. Denn je nach der Schwere und Größe eines Unfalls besteht der Behandlungsplatz aus mehreren Zelten. Koordinierung und Einheitlichkeit ist wichtig, damit im Krisenfall Arbeitsschritte einheitlich sind und bei der Rettungskette ein Rad ins andere greifen kann. Oft ruft Mahne die Gruppe zusammen und sie tauschen sich aus. Am Ende bauen sie das Zelt erneut auf. Und damit ist der Helfergrundausbildung-Praxistag fast zu Ende. Auf dem Rückweg zur DRK-Kreisgeschäftsstelle wird ein letzter Funkspruch abgegeben.

Im DRK-Hauptquartier wird Bilanz gezogen. Der Helfernachwuchs hat sich auf verschiedene Einsatzmöglichkeiten vorbereiten können, den Umgang mit Material und Einsatzabläufen kennengelernt und eingeübt. In den nächsten Wochen steht dann für viele Teilnehmer ein Sanitätsdienstlehrgang an. Nach erfolgreichem Abschluss hat das DRK neue Sanitäter. Das DRK? Nicht nur. Die Helfer können nun Sanitätsdienste im gesamten Rems-Murr-Kreis übernehmen. Sie sorgen für Sicherheit und stehen ab sofort für Einsätze wie Unfälle und Brände bereit. Und die Delegation aus Calw ist überzeugt. Sie will das Konzept der Retter aus dem Rems-Murr-Kreis übernehmen.

24. März 2019 11:26 Uhr. Alter: 89 Tage